Historischer Impulsgeber Evangelische Allianz

Die Beispiele idea, SPRING und proChrist

© Foto: Ingrid Sawadsky

Nach ihrer Gründung 1846 in London entwickelte die Evangelische Allianz sich international. In Deutschland gab es bis 1945 den Deutschen Zweig der Evangelischen Allianz und die Blankenburger Konferenz.

In seinem Buch „Aufbruch der Evangelikalen“ berichtet Fritz Laubach, dass Mitglieder des Allianz-Hauptvorstandes und Pastor Wilhelm Brauer, Vorsitzender der Deutschen Evangelistenkonferenz, Billy Graham 1954 zu Vorträgen nach Deutschland eingeladen haben, mit 35.000 (Düsseldorf) und 90.000 Zuhörern (Berlin): „Diese Veranstaltungen wurden zu einer Demonstration des Evangeliums in der Bundesrepublik.“ Billy Graham wurde zu weiteren Veranstaltungen eingeladen, der Hauptvorstand übernahm die damit verbundenen Arbeiten. In den 1960er Jahren gab es beeindruckende christliche Veranstaltungen, etwa Grahams „Weltkongress für Evangelisation“ (1966, Berlin). Weltweit wurde die evangelikale Bewegung gegründet, die für Deutschland besondere Auswirkungen hatte: Jugendtage begeisterten hunderte junge Teilnehmer. Nach dem 2. Weltkrieg waren zahlreiche kleinere Missionsgesellschaften entstanden. In der Diskussion, ob anstelle des Missionsauftrags nicht ein umfassender Religionsdialog dran wäre, bildete sich die Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen (AEM), die ein klares Ja zur Weltmission aussprach; schon nach kurzer Zeit gehörten 41 Missionsgesellschaften der AEM an. Haus- und Gebetskreise entstanden. Tausende Menschen, denen die Ausbreitung des Evangeliums ein Herzensanliegen ist, trafen sich zu besonderen Großveranstaltungen. Besondere Aufmerksamkeit fanden der Europäische Kongress für Evangelisation (1971, Amsterdam) und der Weltkongress für Evangelisation (1974, Lausanne).

Evangelikale Ereignisse fanden öffentlich nicht statt

Zum Bedauern der Evangelikalen fanden diese nicht kleinen Ereignisse weder in der säkularen noch in der kirchlichen Presse Beachtung. Erstaunlich war, dass kirchliche Medien verhältnismäßig zurückhaltend über das berichteten, was eigentlich ihr Auftrag gewesen wäre: den Glauben zu fördern, entkirchlichte Menschen zum Glauben zu führen und die Bedeutung der Bibel zu betonen. Vergleicht man die kirchliche und freikirchliche Situation in der Bundesrepublik mit der in England und Amerika, wird deutlich, dass in Deutschland erst ansatzweise vorhanden war, was in anderen Ländern durch evangelikale Kreise schon erreicht wurde: Neben einer Breitenstreuung des Evangeliums durch Großevangelisation, Radiomissionen und Aktionsgemeinschaften evangelikaler Missionen sind evangelikale Christen dort führend im wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kirchlichen Leben. Als Christen, die sich in ihrem Glauben an Jesus Christus und die Bibel gebunden wissen, bemühten sie sich um einen weiten geistigen Horizont und übernahmen führende gesellschaftliche Positionen. Von dort gehen spürbare christliche Impulse in ihre Umwelt hinein. Die Öffentlichkeit unseres Landes erfuhr davon kaum oder höchst selten.

Ich bemühte mich, wenigstens den Evangelischen Pressedienst (epd) dafür zu gewinnen, auch die evangelikale Welt zu berücksichtigen. Begeistert kehrte ich von einer großen Jugendveranstaltung zurück, 10.000 Teilnehmer! Ich formulierte eine Meldung, fuhr nach Frankfurt zur Zentrale des epd – wo man mir erklärte: „10.000 junge Menschen, die beten – wen interessiert das?“ Auf der Heimfahrt sagte ich mir: Wenn so ein Treffen keine Meldung ist … dann müssen wir die Berichterstattung eben selbst in die Hand nehmen! Die bewundernswerten Aktivitäten der Evangelikalen weltweit sollte nicht verschwiegen werden.

Am 25. Mai 1970 trat eine Arbeitsgruppe zusammen, die kurze Zeit später zu einem Herausgeberausschuss wurde, der die Gründung von idea (Informationsdienst der Evangelischen Allianz) vorbereitete. Herausgeber waren der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), die Konferenz Evangelikaler Missionen (heute AEM) und der Evangeliumsrundfunk (ERF). Als Redaktions-Leiter waren verantwortlich Horst Marquardt, Ingrid Kastellan, Gerd Rumler, Wolfgang Müller, Rolf Hille – und schließlich Helmut Matthies, der idea zur auflagenstärksten christlichen Publikation in Deutschland machte. Die drei Herausgeber übernahmen auch die Finanzierung, bis idea auf eigenen Beinen stehen konnte. 2018 übernahm Matthias Pankau die Gesamtleitung von Helmut Matthies. 2020 feiert idea 50-jähriges Jubiläum.

Pastor Horst Marquardt ist evangelikaler MedienPionier in Deutschland.

SPRING: Katalysator für Einheit

Irgendwann 1994 nahm Alan Johnson, Geschäftsführer des englischen Spring Harvest-Festivals, Kontakt zu mir als damaligem Family-Redakteur auf: Die Veranstalter des großen Gemeinde-Festivals, das bis zu 70.000 Menschen pro Jahr anzog, wollten ihre Idee nach Deutschland exportieren – und suchten Partner. Gut, dass Hartmut Steeb, seit Beginn im Herausgeberbeirat von Family, und auch Leute wie Eberhard Mühlan dazu gehörten! Alan Johnson lud uns ein, Spring Harvest vor Ort kennenzulernen. Nach der ersten Konsultation 1994 machten wir uns auf den Weg nach England. Einfache Feriendörfer im Baracken-Stil mit Spielparks drumherum bildeten den Lebens-Ort, ein großes Zirkuszelt in der Mitte den Platz für die Festival-Programme, mit Sprechern und Musikern aus ganz verschiedenen geistlichen Traditionen. Das Ergebnis: Buntes Gemeindeleben auf Urlaub.

Wir waren beeindruckt und so angetan vom Spirit des Miteinanders, dass wir im Rahmen von Allianz und Family-Beirat zu einem Netzwerk-Treffen einluden, um Möglichkeiten für ein deutsches Pendant zu prüfen. Am Ende startete 1998 der erste Versuch – und wurde auf Anhieb zum Erfolg. Wenngleich das deutsche GemeindeFerienFestival SPRING nie so groß geworden ist, wie das englische Vorbild (hierzulande fehlen die günstigen Ferienparks, die in England überall an der Küste vorhanden sind), haben die wesentlichen Elemente auch bei uns gezündet: Alle Generationen miteinander – die ganze Gemeinde. Geistliche Einheit – Träger und Teilnehmer aus verschiedensten geistlichen Traditionen. Wichtiges Symbol dafür: die innovativen Bibelarbeiten, bei denen jeweils drei Partner aus sechs Polaritäten gemeinsam vorbereiten und live zusammenarbeiten: Mann/Frau, Landeskirchler/Freikirchler, Charismatiker/Traditioneller. Was allein dieser klug durchdachte Rahmen an Vorbehalten und Fremdheit abgebaut hat! Dazu die gute Mischung aus Fortbildung, Festival, purer Urlaubs-Freude und Begegnung – für alle Alters- und verschiedene Zielgruppen: SPRING hat sich über Gran Dorado im Sauerland, Damp 2000 und Ruhpolding jetzt in Willingen etabliert. Ein echter Katalysator für Zusammenarbeit, wachsendes Vertrauen und Nachfolge Jesu. Wie gut, dass sich die Deutsche Evangelische Allianz nach einigen Jahren vom Mitveranstalter zum Träger entwickelte. SPRING ist Allianz pur!

Ulrich Eggers ist Geschäftsführer und Verleger der SCM-Verlagsgruppe und 1. Vorsitzender von Willow Creek Deutschland.

proChrist: Gemeinsam für Evangelisation

Von Ulrich Parzany und Roland Werner

Kurz nach dem Mauerfall tagte der Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz. Auch Vertreter der Billy Graham Gesellschaft waren eingeladen. In Sitzungen davor war keine Einigung auf ein neues Evangelisationsvorhaben möglich gewesen; jetzt unter dem Eindruck des Geschehens wurde Einigkeit erzielt: Billy Graham solle schnell zu einer ein- oder zweitägigen Kundgebung nach Deutschland kommen – und möglicherweise 1992 („Jahr der Bibel“) zu einer zweiwöchigen Evangelisation. Am 10. Januar 1990 wurde dieser Plan mit ihm und vielen Vertretern aus Ost- und Westdeutschland besprochen. Am 10. März sprach er vor dem Berliner Reichstag. Es war kalt und regnerisch. „Nur“ etwa 15.000 kamen, nicht die von manchen erwarteten 100.000. Manche im Hauptverstand zögerten: Billy Graham sei zu alt, zu amerikanisch. Die Einladung für 1992 wurde nicht aufrechterhalten. Schließlich entschied der Leitungskreis der Lausanner Bewegung – Deutscher Zweig, die Einladung an Billy Graham zu erneuern. „Lausanne“ war 1985 von der Deutschen Evangelischen Allianz und der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste gemeinsam gebildet worden und das umfassendste Netzwerk in Sachen Evangelisation. Die Planungen wurden auch von landeskirchlichen Bischöfen unterstützt, vor allem vom württembergischen Landesbischof Theo Sorg und dem EKD-Ratsvorsitzenden der EKD und Berliner Bischof Martin Kruse.

Ein Team der Billy-Graham-Gesellschaft machte den Vorschlag, die Veranstaltung proChrist zu nennen, die Bezeichnung sei auch international verwendbar. Zur Organisation wurde der gleichnamige Träger-Verein gegründet; der Vorsitz Pfarrer Ulrich Parzany (Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes) übertragen.

Verkündigung per Satellit

In Großbritannien hatte man gute Erfahrungen mit einem neuen Veranstaltungstyp gemacht. Die Predigten wurden aus einer Halle per Satellit live an viele Orte übertragen. Nachbarn konnten so leichter zu den Abenden eingeladen werden als bei langen Anfahrten zum Veranstaltungsort.

In der Ruhrmetropole Essen fand sich eine breite Basis von Gemeinden als Träger. proChrist 1993 erreichte aus der Grugahalle viele Orte in Deutschland, das Programm wurde in 42 Sprachen und 55 Ländern übertragen.

Eigentlich sollte es proChrist nur einmal geben, der Verein sich ein Jahr später auflösen. Doch der Ruf nach Wiederholung wurde laut. Es gab kontroverse Diskussionen: Kann man so etwas wiederholen? Gelingt das auch mit einem deutschen Verkündiger? Werden sich Gemeinden finden, vor Ort? Überregional?

proChrist geht weiter: 1995 Leipzig bis 2013 Stuttgart

Man entschied sich für einen Test. Eine Evangelisationswoche mit Ulrich Parzany, die für März 1995 in Leipzig geplant war, sollte jetzt per 
Satellit übertragen werden. Würden sich mindestens 80 Orte beteiligen, wollte man 1997 (aus Nürnberg) noch einmal ein solches Angebot machen. Aus der Alten Messe in Leipzig wurde 1995 an 350 Orte übertragen; sogar polnische Orte waren beteiligt.

proChrist im November 1997 aus der Frankenhalle in Nürnberg wurde von 660 Orten live übernommen und ebenfalls in eine Reihe europäischer Länder übertragen. Nach Nürnberg gab es gründliche Auswertungen mit den Verantwortlichen vor Ort. In geheimer Abstimmung wurde entschieden, ob proChrist noch einmal angeboten werden sollte: Eine spannende Situation für das kleine engagierte Team in der inzwischen in Kassel eingerichteten Geschäftsstelle (Leitung Frieder Trommer). 1993 amtierte Allianz-Generalsekretär Hartmut Steeb auch als proChrist-Generalsekretär; Wolfgang Büsing leitete das Büro in Stuttgart. 2006 wurde Michael Klitzke Geschäftsführer.

Die größte Besucherzahl an einem Zentralort hatte proChrist 2009 in Chemnitz. Die Entwicklung insgesamt zeigt die Tabelle (unten). Durch die technische Weiterentwicklung war man nicht mehr nur darauf angewiesen, die Live-Übertragungen über gemietete Satelliten in speziell organisierte Veranstaltungen zu übertragen. Mehr Menschen wurden vor den Fernsehern zu Hause erreicht. Andererseits wurde es schwerer, sie mit Gemeinden zu verbinden. Viele sind privat am Glauben interessiert, tun sich aber schwer damit, den Kontakt zu einer Gemeinde zu suchen.

JesusHouse – proChrist für die nächste Generation

In Nürnberg startete mit Roland Werner als erstem von vielen Evangelisten 1998 auch JesusHouse, später von der Weltausstellung EXPO 2000 (Hannover), 2004 aus dem „Tränenpalast“ (Berlin), 2007 aus der Fischauktionshalle Hamburg. JESUSHOUSE entwickelte sich zu einem Experimentierfeld für neue Wege der Verkündigungs-Evangelisation. 2010/11 fand JESUSHOUSE erstmals als Kombinationsmodell statt: lokale Veranstaltungen mit Rednern vor Ort mit der Zentralveranstaltung (insgesamt über 20.000 Besucher) in der Porsche-Arena (Stuttgart).

2017 führte JESUSHOUSE mit dem Dialog-Konzept ein neues evangelistisches Verkündigungsformat ein. 825 Gruppen an 275 Orten nahmen in einem 6-Wochen-Zeitraum teil, bei dem sich Vor-Ort-Veranstaltungen mit Verkündigern aus einem Rednerpool von 150 evangelistisch begabten Menschen mit Zentralveranstaltungen ergänzen.

Die nächste Weiterentwicklung: JESUSHOUSE 2020 im Studio-Format. Im März des Jahres war die per Livestream gesendete Produktion die passende und aufgrund des Corona-Shutdown einzig mögliche Veranstaltungsform. Sie erreichte fast eine halbe Million Jugendliche: an PCs, Tablets oder Smartphones.

Vielstimmiger Chor von Jesuszeugen

2013 bedeutete einen Einschnitt in der proChrist-Geschichte. Roland Werner übernahm den Vorsitz, ein fünfköpfiges Rednerteam verkündigte an vielen Orten. Evangelistische Dienste von Ulrich Parzany wurden weiterhin durch die Geschäftsstelle unterstützt, zusätzlich das Format proChrist LIVE eingeführt: In einem mehrwöchigen Aktionszeitraum (Herbst 2015) fanden Evangelisationen mit über 100 Rednern live vor Ort statt. Insgesamt evangelisieren 150 Verkündigerinnen und Verkündiger ehrenamtlich bei proChrist LIVE vor Ort. Auch die u.a. durch BibelTV übertragene Zentralveranstaltung 2018 (Leipzig) mit Elke Werner und Steffen Kern als Verkündigerteam war eingebettet in regionale Veranstaltungen vor Ort mit unterschiedlichen Rednern. hoffnungsfest 2021 – proChrist geht (international) weiter Auf dem Weg zu proChrist 2021 wird deutlich: Eine breite Unterstützung durch Kirchen, Gemeinden, Gemeinschaften und Werke ist wichtig. proChrist muss getragen werden von lebendiger, missionarischer Gemeindearbeit vor Ort. Die Berufung von Prof. Mihamm Kim-Rauchholz (Südkorea/Deutschland) und Yassir Eric (Sudan/Deutschland) als Verkündigerteam verdeutlicht: Das Evangelium ist eine international gültige Botschaft. Es ist ein großes Geschenk, gemeinsam das Evangelium zu verkündigen. Dass Menschen überall nach Hoffnung fragen, wird in unserer Zeit besonders deutlich. Es ist gut, den Auftrag, Zeugen für Jesus Christus zu sein, gemeinsam umzusetzen. proChrist wird auch in Zukunft Gemeinden in Deutschland und darüber hinaus sammeln, motivieren und unterstützen, damit die Einladung von Jesus Christus Menschen erreicht.