Engagiert für die Einheit der Christen in Nagold: EiNS-Gespräch nach den württembergischen Corona-Regeln

„Als ‚Leib Jesu‘ sichtbar werden in der Stadt"

 

An dem EiNS-Gespräch nahmen teil:

Daniela Schnabel (55), Erzieherin, Ev. Kirchengemeinde Nagold im Kirchengemeinderat, Vorsitzende EA Nagold

Evelin Rosshau (54), Bürokauffrau, betreut Asylbewerber, Mitarbeiterin bei Alpha-Kursen, Vorsitzende EA Nagold

Dekan Ralf Albrecht (56), Regionalbischof in Heilbronn, Mitglied im Hauptvorstand der EAD

 

Während der Allianzgebetswoche wurden Sie, Frau Schnabel und Frau Rosshau, als neue Allianzvorsitzende in Nagold eingeführt. Der Gedanke ist nicht fern, dass Sie, Herr Albrecht, das Amt vorher innehatten …

Albrecht: (lächelt) Obwohl ich Mitglied im Allianz-Hauptvorstand bin, bin ich in der Ortsallianz nur Beisitzer. Bei uns hat das eine wunderbare Frau lange Jahre gemacht.
Schnabel: Genau – Irmela Kühn hat das zwölf Jahre lang mit Herzblut, großer Liebe und geistlicher Tiefe gemacht. Sie hat ein neues, junges Team um sich gesammelt und neu angefangen: mit Gebeten für die Stadt; die Allianzgebetswoche wurde neu mit Leben gefüllt; mit regelmäßigen Treffen untereinander. Sie hat uns damals mit ins Boot geholt, mit weiteren sechs Frauen und mehreren Männern. Aber mit Ende 70 hat sie dann gesagt, sie möchte die Aufgabe aus Altersgründen abgeben.
Albrecht: Ich finde es bemerkenswert, dass sie ja schon im Ruhestandsalter den Allianzvorsitz übernommen hat, dann ein jüngeres Leitungsteam mit „hochgezogen“ hat – und dass jetzt zwei aus diesem Team miteinander die Nachfolge angetreten haben: ein klasse Beispiel dafür, wie Ortsallianzen funktionieren.
Rosshau: Irmela Kühn hat auch ein Ökumenisches Stadtgebet ins Leben gerufen, zu dem wir uns sechsmal im Jahr treffen und an verschiedenen Punkten in der Stadt beten – bei der Polizei, im Stadtrat, im Jugendhaus, im Krankenhaus ... Eins dieser sechs Gebetstreffen ist das „7-Hügel-Gebet“. Nagold hat sieben Hügel – und wir beten dann auf verschiedenen Hügeln für die Stadt.

 

Ist denn die neue Leitungsaufgabe „automatisch“ auf Sie zugelaufen – oder gab es bei Ihnen ein persönliches Fragen, bis hin zu der Entscheidung, Ja zu sagen?

Rosshau: Die Irmela hat eine ganz klare Berufung von Gott gehabt. So eine klare Berufung hatte ich nicht. Wir haben aber gesagt: Zu zweit können wir uns das gut vorstellen – ich in der Freikirche, sie (zeigt auf Daniela Schnabel) in der evangelischen Kirche. Das ist das Schöne eines Leitungsduos, dass wir aus verschiedenen Richtungen kommen und uns ergänzen. Es ist jetzt eine tolle Einheit zusammen. Das hat uns inspiriert zu sagen: Das machen wir jetzt die nächsten Jahre! Diese Einheit miteinander zu leben ist einfach stark!
Schnabel: Bei mir war es so: Ich bin mit reingewachsen und wurde schon früh gefragt, ob ich Nachfolgerin von Irmela Kühn werden wollte. Das konnte ich mir da aber nicht vorstellen, weil ich so eine Leitungs-Aufgabe noch nie übernommen hatte. Aber mit der Zeit hat sich das verfestigt. Ich hab gemerkt: Allianz – das sind zwei Themen, die
mich ausmachen. Die Einheit der Christen aus verschiedenen Gemeinden – Jesus als Mitte – genau das möchte ich leben. Und auch das Gebet ist mein Thema. Mir liegt das Stadtgebet sehr am Herzen, wo wir zusammen unterwegs sind. Darum hab ich gesagt: Das ist mir wichtig – und darum möchte ich mich bereiterklären.
Albrecht: Das Geheimnis der beiden ist aus meiner Sicht, dass ihnen andere das zutrauen, mehr vielleicht als sie selber es sich zutrauen.

 

Herr Albrecht, oft sind in den Leitungs-Ämtern vor allem Männer aktiv. Ist es ein besonderer Wechsel, dass das nun zwei Frauen machen?

Albrecht: Hier in der Allianz in Nagold nicht. Da hat die Irmela Kühn natürlich schon eine Lanze gebrochen. Was wirklich bemerkenswert ist: Es läuft jetzt wie selbstverständlich. Und bei den beiden war von Anfang an klar, dass sie sich mit Herzblut reingeben.

 

Allianz vor Ort“ steht auch über unserem Gespräch. Wie ist die Evangelische Allianz Nagold geprägt? Welche Erfahrungen haben Sie in den vergangenen Jahren gemacht?

Rosshau: Von den Kirchen und Gemeinden gehören zur Evangelischen Allianz die evangelische Kirche, methodistische Kirche, zwei Freikirchen und der Gemeinschaftsverband der Apis.
Albrecht: Als ich hierherkam, 2007, hab ich die Evangelische Allianz erlebt als ein versprengter Haufe, der zur Allianzgebetswoche zusammenfand. 2020 erlebe ich die Evangelische Allianz als eine dynamische Bewegung, die sich selbstverständlich bei der Allianzgebetswoche zeigt – aber auch sonst im Jahr ein Markenzeichen ist. Und die das Thema Gebet und missionarisch-diakonisches Engagement weit nach vorne trägt. Übrigens endet die Einheit, das Gemeinsame ja nicht an den Grenzen der Allianz. Sondern es ist eine Aufgabe von allen Christen in der Stadt. Und wir können heute aufs Rathaus gehen, um mit dem Oberbürgermeister zusammen für diese Stadt zu beten – das ist ein Zeichen!

 

 

Wo zeigt sich diese missionarische Bewegung?

Albrecht: Die zeigt sich vor allem darin, dass wir jetzt miteinander beschlossen haben, dass es – wir hoffen, in den Jahren 2023 oder 2024 – eine Zeltkirche in Nagold geben soll: ein 14-tägiges Festival, bei dem Christen unterschiedlichster Art einladen, dem Glauben zu begegnen, oft auch im Bistro-Stil – aus dem heraus sich auch weiter etwas entwickeln kann, Alphakurse etwa.
Schnabel: Missionarisch wichtig ist auch unser Ökumenisches Stadtgebet. Großgeworden ist es 2012, während der Landesgartenschau hier in Nagold. Die Kirchen waren da sehr aktiv, die ACK, katholische, evangelische, methodistische Gemeinden – und da hat die Evangelische Allianz gesagt, wir stellen Gebetsboxen auf: Jeder Besucher darf dort Gebetsanliegen einwerfen. Und wir treffen uns jede Woche und beten für diese Anliegen. Wir haben auf dem Gelände der Gartenschau einen Raum der Stille eingerichtet – und dabei ist ein gutes Miteinander gewachsen, mit verschiedenen Gemeinden, auch katholischen Christen.

 

 

Welche Aufgaben, Projekte und neuen Ziele sehen Sie als neue Vorsitzende für die kommenden Jahre?

Schnabel: Wir haben bei „Deutschland betet gemeinsam“ mitgemacht und uns auch angemeldet für „Deutschland singt“ am 3. Oktober – wie das wird, hängt noch in den „Corona-Seilen“ ... Wir beten das Ökumenische Stadtgebet jedes Jahr auch in der schönen, runden „Wachsenden Kirche“: ein Überbleibsel der Landesgartenschau im Stadtpark – das wird sehr gut angenommen. Und wir veranstalten regelmäßig Gebetskonzerte.
Rosshau: Die Konzerte finden immer zum Auftakt der Allianzgebetswoche statt, in der Stadtkirche. Das ist echt stark! Es ist uns auch ein Anliegen, dass dadurch die Evangelische Allianz und das Ökumenische Stadtgebet öffentlich bekanntgemacht werden – und noch mehr Gemeinden und Leute mit ins Boot kommen. Da möchten wir offen sein für Impulse von Gott. Uns ist wichtig, dass wir als „Leib Jesu“ sichtbar werden in der Stadt, dass sichtbar wird: Gott ist Realität.

 

Wie wird denn die Christenheit in Nagold wahrgenommen? Ist das eine öffentliche Größe in der Stadt?

Schnabel: Ein guter Punkt, an dem uns das gelungen ist, war der Dankgottesdienst zum Tag der Deutschen Einheit im vergangenen Jahr, zu 30 Jahren Mauerfall – öffentlich vor der Stadtkirche …
Albrecht: … wenn da nur 40 Leute gekommen wären, das hätte ein bissle dürftig ausgesehen …
Schnabel: … es sind Leute von überall gekommen, selbst Stadträte aus umliegenden Gemeinden.
Rosshau: Auch der Gottesdienst zum 3. Oktober war bewegend. Man konnte erzählen, was einem die Einheit bedeutet. Es war sehr persönlich, weil viele vorgegangen sind, auch Menschen, bei denen man das nicht gedacht hätte.
Schnabel: Man konnte Gebete aufschreiben und sie nachher öffentlich vorne vortragen.
Rosshau: Die Leute waren berührt – es war schön zu sehen, wie viele davon abgeholt und mit reingenommen wurden.
Albrecht: Sehr schön war auch ein kreativer Teil, ein Puzzle aller Bundesländer, die gemeinsam zu einem Land zusammengesetzt wurden. Manche sind nachher gekommen und haben gesagt: Ich komm aus den „neuen“ Bundesländern, und ich hab gemerkt: Wir gehören zusammen. Wir sind eins.

 

 

Was sind Ihre Einsichten aus den vergangenen Monaten? Ein Übergang gelingt dann gut, wenn …? Es klingt, als wäre der Wechsel bei Ihnen sehr harmonisch verlaufen. Warum?

Schnabel: Wir waren in der Leitung schon mit eingebunden, wurden langsam herangeführt. Frau Kühn hat auch in den vergangenen Jahren schon viel Rücksprache mit uns gehalten. Von daher war es kein abrupter Wechsel.
Rosshau: Wir sind mit hineingewachsen.
Schnabel: … mit dem Vertrauen der anderen Verantwortlichen.
Albrecht: Delegation von Anfang an, als Mitprinzip von Leitung. Übergänge gelingen dann, wenn alle einander in Christus begegnen und keiner den anderen aburteilt. Wenn man von den Nebenfragen nicht absieht, sie aber nicht als trennend überbetont. Und wenn es Menschen mit Herzblut machen, die Kritik annehmen, Geduld haben und eine Vision.
Schnabel: Wir haben ein tolles, engagiertes Team um uns herum. Das macht’s auch aus, dass Leitung gelingt.

 

 

Dann wünsche ich weiter viele gelingende Faktoren, engagierte Mitstreiterinnen und in allem Gottes Segen! Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Jörg Podworny