Das EiNS-Gespräch

Wie können wir den Text aus Markus 10 verstehen? Wie ist das Verhältnis von Gnade zu zu verstehen?

EiNS aber fehlt dir...

Das Gespräch bezieht sich auf Markus 10, 17-27

Was, wenn die größte Herausforderung des Glaubens nicht darin besteht, mehr zu tun, sondern Jesus wirklich nachzufolgen? Im Gespräch zum aktuellen EiNS-Artikel spricht Martin P. Grünholz darüber, warum wir das Evangelium oft entschärfen, weshalb Jesu Worte unbequem bleiben dürfen und was die Begegnung mit dem reichen Jüngling heute mit unserem Leben zu tun hat. Eine Einladung, die entscheidende Frage neu zu stellen: Woran hängt mein Herz – und was würde Jesus dazu sagen? 

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Der atheistische Kabarettist Volker Pispers begann über viele Jahre hinweg sein Programm „Bis Neulich“ mit einer Kirchenkritik, die – leider – viel zu häufig präzise saß: „Kabarett, das ist der Ort, an dem man sich die Kritik am eigenen Lebenswandel genauso folgenlos um die Ohren schlagen lässt wie in der Kirche: ‚Gehe hin, verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen.‘ Zum Glück nimmt man es in der Religion ja nicht ernst. Sonst wäre man ja auch Moslem. Das Geld den Armen geben, eine der größten Pointen aller Zeiten – da sind die Kollegen seit 2000 Jahren auf Tournee.“ 

Die folgenloseste Pointe 

Diese Beobachtung trifft den Nerv unserer bürgerlichen Christenheit, quer durch alle Gruppierungen. Wir lieben die Ästhetik des Evangeliums, wir schätzen die moralische Erhabenheit der Bergpredigt, wir dekorieren unsere Wohnzimmer mit inspirierenden Bibelversen und verschenken Geburtstags- und Hochzeitskarten mit Versen oder Sprüchen, die das Herz erwärmen.

Ein Mann mit braunen Haaren und einem Hemd zeigt mit dem Daumen nach oben. Über ihm sind Sprechblasen mit Text: "Guter Meister, was soll ich tun..." und "Du tust recht. Eins aber fehlt dir...". Im Hintergrund ist eine Schatzkiste mit verschiedenen Objekten zu sehen. © F.Binanzer

Doch sobald die biblische Wahrheit von der lyrischen Ebene in die Buchhaltung wechselt, schalten wir auf den Modus der „geistlichen Interpretation“ um. Wir haben das Evangelium so weit domestiziert, dass es uns zwar noch tröstet, aber nicht mehr stört. Der kanadische Religionsphilosoph Charles Taylor fasste dies seinem Buch „Ein säkulares Zeitalter“ in dem Begriff der „anthropozentrischen Wende“ zusammen, die nicht mehr Gott und sein Wesen im Zentrum sieht, sondern den Menschen selbst. Ein „Evangelium“ oder vielmehr: Ein „Evangeliums-Ersatz“, das zu einem bequemen Wohlstandslifestyle passt, aber die Kosten der Nachfolge getrost übergeht. Die Geschichte des reichen Jünglings in Markus 10 ist das ultimative Korrektiv für diese religiöse Gemütlichkeit. Sie ist der Moment, in dem die Masken fallen – sowohl die des Jünglings als auch die unsere. 

Der Musterschüler: Wenn „gut“ nicht gut genug ist 

Betrachten wir die Szene: Ein junger Mann läuft auf Jesus zu, fällt auf die Knie und stellt die Frage aller Fragen: „Guter Meister, was soll ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe?“ (Markus 10,17, LUT84). Wohl der Gemeinde, die solche Menschen in ihrer Mitte hat: jung, engagiert, wohlhabend und – das ist entscheidend – ernsthaft suchend. Der Jüngling ist kein Pharisäer, der Jesus eine Falle stellen will. Er ist auf richtig. Er hat die Gebote gehalten, er hat das religiöse Pflichtprogramm absolviert. Er ist, anthropologisch gesehen, der „gerechte Mensch“ unserer Idealvorstellung und Vorzeigemitarbeiter.

Jesus reagiert auf eine Weise, die uns heute fast schon pastoral unklug erscheint. Er zählt die Gebote auf. Das wirkt, na ja, so gesetzlich. Jesus zitiert die zweite Hälfte der 10 Gebote, das sechste, siebte, achte, neunte und zehnte und dann das fünfte. Was er damit aber macht, ist schließt die Verheißung aus 3. Mose 18,5 zu erfüllen, dass wer die Gebote hält, leben wird. Gerhard Maier fasst in seinem Kommentar zum Markusevangelium (Edition-C) hierzu treffend zusammen: „Jesus bringt keine anderen Vorschriften für das, was man ‚tun soll‘, als das Wort Gottes in der hebr. Bibel. Wieder fällt auf, dass Jesus nicht mit irgendwelchen Schulmeinungen, sondern mit der Bibel argumentiert.“ Der Jüngling antwortet mit schockierender Selbstsicherheit: „Meister, das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf“ (V. 20). An dieser Stelle könnte die Geschichte enden – mit einem Schulterklopfen und einer Urkunde für vorbildliche Frömmigkeit. Doch dann folgt ein Satz, der das religiöse System des Jünglings aus den Angeln hebt: „Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb“ (V. 21). Dieses „Liebgewinnen“ Jesu ist kein harmloses Lächeln. Es ist eine Liebe, die so radikal wahrhaftig ist, dass sie den Finger direkt in die offene Wunde legt. Es ist die Liebe des Retters zu verlorenen Menschen, die durch ihre Sünde zu Gottes Feinden geworden waren (Römer 5,8-10). Jesus er kennt die Tragik dieses Mannes: Er hat alles getan, aber nichts verstanden. Er lebt in einer Scheinwelt der moralischen Perfektion, während sein Herz tief in sich selbst verkrümmt bleibt. Er hält die Gebote, um Gott zu kontrollieren, nicht, um ihn zu lieben. Timothy Keller bezeichnet dies im Rahmen seiner „neuen Definition von Sünde“ (in: „Bedingungslos geliebt“) bei den beiden verlorenen Söhnen und dem einen, liebenden Vater aus Lukas 15 als „Selbsterlösungsprojekt“, das sowohl in Zügellosigkeit als auch in moralistischer Selbstgerechtigkeit bestehen kann. Beides sind Wege des Selbsterlösungsprojekts des Menschen und stehen dem Evangelium der unverdienten Gnade Gottes entgegen.

Die Inventur des Herzens: Nur eins fehlt dir 

Und dann fällt das Urteil, verpackt in eine Aufforderung, die bis heute als die größte Pointen-Vorlage des Kabaretts gilt: „Eines fehlt dir: Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!“ (V. 21). An dieser Stelle beginnt unsere theologische Schwerstar beit. Wir beeilen uns sofort zu erklären, dass Jesus das natür lich nicht „so wörtlich“ gemeint habe. Dass es hier nur um die „innere Freiheit“ gehe. Dass es um die „Götzen im Herzen“ ginge, nicht um das tatsächliche Bankkonto. Wir betrei ben eine Art spirituelles Downsizing: Wir behalten das Haus, das Auto und das Portfolio, erklären uns aber innerlich für „arm im Geiste“. Doch Dietrich Bonhoeffer entlarvt dieses Spiel in „Nachfolge“ mit gnadenloser Klarheit. Er schreibt: „Nachfolgen heißt bestimmte Schritte tun. Bereits der erste Schritt, der auf den Ruf hin erfolgt, trennt den Nachfolgenden von seiner bisherigen Existenz.“ Jesus ruft den Jüngling nicht zu einer neuen Gesinnung, sondern zu einem Ortswechsel. Er ruft ihn aus der Sicherheit seines Besitzes in die Unsicherheit der Nachfolge. Die Tragik des Jünglings – und oft auch die unsere – ist, dass wir glauben, wir könnten dem Ruf folgen, ohne uns zu bewegen. 

Der Jüngling ging weg – und wir? 

Das Ende der Szene ist von einer schmerzhaften Aufrichtig keit: „Er aber wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter“ (V. 22). Bonhoeffer be merkt dazu trocken: „Der Jüngling war ganz aufrichtig, in dem er wegging.“ Hier liegt die bittere Ironie: Der Jüngling ist in seiner Ablehnung ehrlicher als wir in unserer Zustimmung. Er erkennt das Preisschild der Nachfolge und ent scheidet, dass es ihm zu teuer ist. Er wählt den Besitz und verliert den Geber allen Besitzes. Er flüchtet vor der Wahrheit, weil die Wahrheit ihn tatsächlich frei machen wollte – aber diese Freiheit hätte ihn seine Kontrolle gekostet. Was bedeutet das für unseren Lebensstil? Es bedeutet zunächst einmal das Ende der frommen Ausreden. Wir müssen anerkennen, dass unser Festhalten an materiellen Werten kein kleiner Schönheitsfehler ist, sondern ein Symptom für einen Mangel an echtem Vertrauen. Wir leiden an einer chronischen Verwechslung von „Vorsorge“ und „Götzendienst“. Ein Lebensstil, der Christus wirklich im Zentrum hat, zeichnet sich nicht durch eine künstlich zur Schau gestellte Armut aus, sondern durch eine radikale Verfügbarkeit. Die Frage, die wir uns ehrlich stellen sollten ist, ob unser Besitz uns besitzt. Aber wenn wir ehrlich sind, scheuen wir diese Frage weil wir die Antwort erahnen. Eine ehrliche Analyse wäre die Frage, ob wir unsere Sicherheit eher am Bankschalter, dem Vorratskeller, der Politik oder Medizin suchen, statt am Kreuz? Und bei einer vorschnellen Antwort mit Verweis auf Christus, müssen wir uns ehrlich die Frage stellen, wo dies dann auch tatsächlich in der konkreten Nachfolge des täglichen Lebens sichtbar wird. 

Ein Ruf zur Umkehr, nicht zum Kabarett 

Leider hat Volker Pispers recht: Die Kirche und unsere Gemeinden sind oft Orte folgenloser Kritik. Dies gilt ebenso für unser Bibellesen. Wir hören von der Sünde und nicken, wir hören von der Gnade und lächeln, und wir hören vom Verkaufen des Besitzes und ... wir tun nichts. Wir lassen uns die Wahrheit verkündigen und gehen zum Mittagessen über. Aber die Geschichte vom reichen Jüngling fordert uns heraus, aus der Zuschauerrolle des Kabaretts auszusteigen. Der Ruf Jesu ist kein Witz, keine Metapher und keine pädagogische Übertreibung. Er ist die Einladung zur Vollkommenheit, die wir nur finden, wenn wir unsere eigene Unvollkommenheit und unser Unvermögen eingestehen. Vielleicht ist der erste Schritt zur Besserung die bittere Erkenntnis, dass wir eben jener Jüngling sind – nur dass wir oft nicht einmal die Aufrichtigkeit besitzen, traurig wegzugehen. Wir bleiben sitzen und tun so, als hätten wir verstanden. Doch die Wahrheit der Nachfolge erweist sich nicht im Kopfnicken, sondern in den Füßen, die einen Schritt tun, und in den Händen, die loslassen. Erst wenn wir aufhören, Jesus „eigentlich“ zu verstehen, fangen wir an, ihn wirklich zu hören. Und erst dann kann aus dem Schrei nach Frieden und der Gier nach Besitz die echte Freiheit der Kinder Gottes werden. Denn diese ernüchternde Diagnose ist keine theologische Sackgasse, sondern das notwendige Tor: Erst wenn das Licht der Wahrheit unseren religiösen Schutzwall zertrümmert hat und wir mit unserer Moral am Ende sind, schlägt die Stunde der unverdienten Gnade. Sie knüpft nicht an unsere Selbsterlösung an, sondern an unsere Kapitulation. Das Evangelium ist die befreiende Nachricht, dass Christus für uns gestorben und auferstanden ist und dies allein unsere Rettung ist. Dagegen verblasst der Wert aller Güter. Die Wahrheit der Nachfolge erweist sich am Ende nicht im stolzen Verzicht, sondern im demütigen Empfangen. Erst wenn wir aufhören, Jesus „eigentlich“ verstehen zu wollen, und anfangen, seine Schönheit zu bewundern, fangen unsere Hände an, sich zu öffnen. Die Gnade Gottes ist es, die uns befähigt, traurig wegzugehen – oder aber befreit hinter ihm herzulaufen. Alles andere ist nur religiöses Kabarett.