Das Wunder der Gegenwart

Die jüdisch-messianische Bewegung in Deutschland: ein Überblick

Wer über die Verantwortung von Christen im Blick auf die Juden nachdenkt, kommt nicht vorbei an der jüdisch-messianischen Bewegung in Deutschland. Durch einen historischen Blick zurück lässt sich erahnen, welche Bedeutung die gegenwärtige junge Bewegung hat. Denn die Geschichte gibt wichtige Aufschlüsse für heute.

Der Anfang

1865 wurde in London die „Judenchristliche Allianz“ gegründet. Ihr Vorläufer war eine 1813 in London gegründete judenchristliche Vereinigung mit der Bezeichnung „B‘ne Abraham“ (Söhne Abrahams). Dr. Carl Schwartz war der erste Leiter dieser Arbeit, ein zum Glauben an den Messias gekommener Jude.

Von Anfang an sah sich die 1865 gegründete judenchristliche Vereinigung geistlich unter dem Dach der „Evangelischen Allianz“ beheimatet. Bereits 1867 wurde die erste öffentliche nationale judenchristliche Konferenz in London abgehalten. Innerhalb von 25 Jahren hatte die judenchristliche Allianz in England über 600 Mitglieder, darunter zwei Bischöfe jüdischer Abstammung. 

Mit Leon Levison, 1881 in Safed/Israel geborener Rabbinersohn, bekam die judenchristliche Allianz nach dem Ersten Weltkrieg einen internationalen Charakter. Die erste internationale Konferenz der Judenchristen fand 1925 in London statt. Die Notwendigkeit des Zusammenschlusses auf internationaler Ebene ergab sich immer mehr, weil die meisten Juden, die an den Messias Jesus gläubig wurden, in der Regel in den Synagogen keine geistliche Heimat mehr hatten und wiederum von den nichtjüdischen Christen und Gemeinden mit Argwohn betrachtet wurden. Dennoch war es bezeichnend, dass bis zum Zweiten Weltkrieg Judenchristen in der Regel immer auch Mitglied einer örtlichen christlichen Gemeinde waren. 

Bis zum Zweiten Weltkrieg wuchs die judenchristliche Bewegung auf 20 Allianzen in Europa an. Die zweite „Internationale judenchristliche Konferenz“ fand 1928 unter der Leitung von Pastor Arnold Frank (1859-1965) in Hamburg statt. Dieser aus Ungarn stammende Judenchrist war für viele Jahre auch gefragter Konferenzredner im Evangelischen Allianzhaus Bad Blankenburg. Durch ihn entstand eine der größten judenchristlichen Gemeinden Europas, die „Jerusalem-Gemeinde“ in Hamburg. Das von ihm herausgegebene Informationsblatt „Zions Freund“ hatte eine Auflage von 45.000 Exemplaren. 

Leidenszeit und Neuanfang

Durch die NSDAP wurde in der aufkommenden Diktatur alles Judenchristliche nach und nach vernichtet. Von 1933 bis 1935 wurden über 50 „rassendiskriminierende“ Gesetze erlassen. Juden durften nicht mehr länger deutsche Bürger sein. Das betraf auch die Judenchristen. So liegen Schätzungen vor, dass bis zu 30.000 Judenchristen vernichtet wurden, darunter rund 200 Pastoren jüdischer Herkunft. Die wenigen deutschen Christen jüdischer Herkunft, die den Krieg überlebten, integrierten sich unauffällig in Werken und Gemeinden. Mir sind persönlich einige deutschsprachige Judenchristen bekannt, die aufgrund der Vergangenheit nur sehr schwer über ihr eigenes Erleben reden konnten. Für sie ist die Gemeinde zur Familie geworden, nachdem sie in der Regel die eigene Familie verloren hatten. Oftmals waren sie die einzigen Überlebenden oder Kinder von Überlebenden. 

Abram Poljak (1900-1963), ein aus Russland stammender Rabbinerenkel, war einer der ersten Judenchristen, der versuchte, nach dem Krieg in Deutschland wieder eine judenchristliche Allianz aufzubauen. Am 8. April 1951 organisierte er eine Konferenz in Basel mit dem Ziel, alle Judenchristen, welche überlebt hatten, in einer „Union messianischer Juden“ zu vereinigen. Doch die Zeit war noch nicht reif. 

Mit dem Zuzug der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion in den 1990er Jahren und der Einwanderung von Israelis nach Deutschland wuchs die jüdische Bevölkerung von etwa 30.000 Personen auf gegenwärtig rund 250.000 Personen. 

Einige der Einwanderer kamen aus russischsprachigen jüdisch-messianischen Gemeinden, andere sind in den Aufnahmelagern zum Glauben an Jesus Christus gekommen. Wieder andere Jesus-Gläubige waren Mitglieder in christlichen Gemeinden und hatten sich vollständig assimiliert. Erst in Deutschland fanden sie den Mut, sich zu ihren Wurzeln zu bekennen. Heute ist die „jüdisch-messianische Bewegung“ selbstständig und unabhängig. 

Das Wunder der Gegenwart

Nach dem kurzen historischen Exkurs über die zurückliegenden gut 150 Jahre blicken wir nun in die Gegenwart. In Deutschland gibt es gegenwärtig rund 40 Gemeinden und Versammlungen, in denen sich mehr als 1.000 messianische Juden und Nichtjuden 

treffen. Die Gemeindeversammlungen sind sehr unterschiedlich geprägt. Manche haben ähnliche Gottesdienste wie in einer Synagoge, andere sind mehr freikirchlich geprägt, jedoch mit deutlichen Bezügen zum Judentum. 

Unterschiedlichste Aktivitäten im ganzen Land kennzeichnen die jüdisch-messianische Bewegung. In Planung ist zurzeit die vierte jüdisch-messianische Israelkonferenz für Christen in Berlin. Sie wird von fast allen messianischen Leitern unterstützt. Im zurückliegenden Jahr konnte im Freizeitheim „Schönblick“ in Schwäbisch-Gmünd bereits die 15. messianische Konferenz mit rund 300 Teilnehmern aus der messianischen Bewegung durchgeführt werden. Bedeutend sind aber auch die jährlich stattfindenden Leiterkonferenzen oder auch verschiedene diakonische Projekte. Ebenso wichtig sind im Bereich der lokalen Kinder- und Jugendarbeit die überregional stattfindenden Freizeiten und Begegnungen. 

International eingebettet sind die Angebote für junge Erwachsene. Ein weiterer Meilenstein sind die entstandenen Seminare zur Qualifizierung der Mitarbeiter im ganzen Land. Einzigartig war das Europäische „Messianisch-Theologische Symposium“ in Berlin, an dem viele namhafte messianische Theologen aus Europa, Israel und den USA zusammenkamen. Außerdem konnten gemeinsame Fahrten von messianischen Juden und Christen in das Konzentrationslager Auschwitz in Polen stattfinden. Manche der Teilnehmer waren Nachkommen von Überlebenden. Weitere Projekte, wie zum Beispiel die Planung einer jüdisch-messianischen Akademie, sind derzeit am Wachsen. 

Der Glaube

Messianische Juden glauben, dass Jesus Christus der von den alttestamentlichen Propheten angekündigte Messias des Volkes Israel ist. Sie verstehen sich als Teil des jüdischen Volkes und identifizieren sich mit dem jüdischen Erbe. Daher halten die meisten in ihrem persönlichen Leben auch die jüdischen Speise-, Fest- und Feiertagsordnungen ein. Das ist eine der Ursachen dafür, dass die messianische Bewegung zwischen Kirche und Synagoge steht.

Auf der einen Seite trennt sie der Glaube an den Messias von der Synagoge, auf der anderen Seite trennt sie das Beachten der jüdischen Ordnungen von der Kirche. Dennoch ist sie weltweit eine der dynamischsten Bewegungen. 

Die Verantwortung: Christen und messianische Juden gehören zusammen 

Christen sind aufgerufen, sich hinter die jüdisch-messianische Bewegung zu stellen. Das sollte gerade auch aus der Verantwortung unserer Geschichte heraus geschehen. Bedauerlicherweise gibt es in manchen Landes- und Freikirchen immer noch Vorbehalte. 

Daher ist es sehr zu begrüßen, das sich die Deutsche Evangelische Allianz am 29. März 2017 hinter die Erklärung der württembergischen Christus-Bewegung „Lebendige Gemeinde“ gestellt hat (vgl. Meldung auf S. 32). Das Dokument „Die Wurzel trägt dich“ (Röm. 11,18) macht die Verantwortung deutlich, welche die Gemeinde gegenüber Israel und der messianischen Bewegung hat. Es wird klar: Christen und messianische Juden gehören zusammen. 

Eines darf in der Diskussion nicht vergessen werden: Es ist begrüßenswert, wie sehr sich die Synode der EKD darum bemühte, ein positives Verhältnis zwischen Juden und Christen aufzubauen. So hat sie sich klar von Luthers Schmähschriften gegenüber den Juden und von jeder Form der „Judenmission“ im Sinne einer Konvertierung distanziert. Doch bisher fehlte und fehlt von Seiten der EKD eine Stellungnahme gegenüber den Juden, welche an den Messias Jesus glauben.

Daher ist diese jüngste Erklärung der Christus-Bewegung „Lebendige Gemeinde“ eine wichtige Ergänzung der Anerkennung und Wertschätzung für die jüdisch-messianische Bewegung. Unter anderem heißt es in dieser Schrift: „Es waren zuerst jüdische Männer und Frauen, die Jesus von Nazareth als den Gesalbten Gottes erkannt und als Messias bzw. Christus bekannt haben. Schon bald bilden Menschen aus den Völkern die Mehrzahl unter den Christen. Es gehört zur Tragik der Geschichte, dass Juden, die Jesus als Christus bekannten, nahezu gänzlich aus dem Blick geraten sind. Doch wie zu allen Zeiten gibt es auch heute Menschen jüdischer Herkunft, die sich als Juden verstehen und zugleich Jesus als Messias erkennen und bekennen. Juden, die an Jesus glauben, sind nicht vom Judentum zum Christentum konvertiert. Sie leben in der jüdischen Glaubenstradition und verbinden diese mit dem Glauben an Jesus Christus. In diesem Glauben sind wir mit ihnen verbunden. Ihre religiöse Selbstbestimmung haben wir ohne Einschränkung zu achten. Ihnen gilt unsere volle Wertschätzung und Anerkennung, wie allen anderen, die an Jesus Christus glauben. Die Ausgrenzung messianischer Juden, ihrer Gemeinden und Organisationen ist eine tiefe Verletzung ökumenischer Verbundenheit und ein nicht hinnehmbarer Skandal, der überwunden werden muss“.1

Wichtige Rolle: Die Arbeit von „amzi“ 

Auch vor diesem Hintergrund spielt die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft für das messianische Zeugnis an Israel (www.amzi.org) eine wichtige Rolle. Sie wurde 1968 durch die damalige Pilgermission St. Chrischona (Bettingen bei Basel) gegründet und ist heute ein Arbeitszweig von „Chrischona International“. 

Die amzi unterstützt jüdisch-messianische und arabisch-christliche Gemeinden und Institutionen. Sie fördert die Versöhnungsarbeit zwischen messianischen Juden und christlichen Palästinensern. In Israel unterstützt sie die theo-logische Ausbildung und Literaturarbeit, aber auch Seminars- und Schulungsarbeiten und den Aufbau von örtlichen Gemeinden und diakonische Projekte. Ein Freundeskreis aus dem evangelikalen Raum trägt die Arbeit der amzi durch Spenden. Eine wöchentliche Gebets- und Informationsmail und die zweimonatlich erscheinende Zeitschrift „Focus Israel“ informieren Interessierte über diese Arbeiten. 

1 Die vollständige mehrseitige Erklärung ist hier nachzulesen.

Zum Autor

Jurek Schulz ist Öffentlich-keitsreferent bei der amzi. Er unterstützt die nationale jüdisch-messianische Bewegung in Deutschland. Schulz ist auch Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (weitere Infos: www.amzi.org).