Ein Band des Friedens knüpfen

Christenheit weltweit: Schritte der Versöhnung wagen

Spaltungen und kein Ende in Sicht
In seinem Buch „Die Spaltung unter uns Christen ist ein Skandal“ (2017)(1) spricht Papst Franziskus das größte Hindernis zur Neu-Evangelisation der Welt an. Die Spaltungen unter Christen verursachen immer wieder Misstrauen bei den Menschen, denen wir Christen den Glauben an Gott näherbringen wollen. Bis zu 41.000(2) christliche Konfessionen gibt es in der Welt, konfessionsinterne Spaltungen nicht mitgezählt.
Woher rühren die Spaltungen? In der Regel gehen sie auf Meinungs- und Erkenntnisunterschiede unter leitenden Personen der jeweiligen Kirche zurück, begünstigt durch politische, ökonomische und kulturelle Ereignisse.
Als junger Christ geriet ich zwischen die Fraktionen unserer Baptistengemeinde in Estland. Das Verhältnis zum sowjetischen Staat und der Grad des Gehorsams den staatlichen Vorgaben gegenüber bestimmte den Streit. Dazu kamen ethnische Motive. Schließlich trenn-ten sich die staatskritischen Russen und Deutschen von den kompromissbereiten Esten. Religionspolitische Erwägungen führten zur Spaltung und eine neue (Methodisten-)Gemeinde entstand vor Ort.
Anderswo trennten sich Freunde von der Evangelischen Kirche, weil sie dort über ihre neue Erkenntnis zur Glaubenstaufe nicht reden durften, und schlossen sich einer Baptistengemeinde an. Wieder anderswo waren es Überzeugungen zu Geistesgaben (Sprachenrede, Prophetie, Krankenheilung), die einen tiefen Riss zwischen Glaubensgeschwistern verursachten. Nicht selten sind es zwei starke Persönlichkeiten, die unfähig sind, miteinander auszukommen, sich trennen und jeweils einen Teil der Gemeinde mit sich ziehen.
Bei solchen Kirchenspaltungen geht es nie geht ohne Verletzungen zu. Zurück bleiben getrennte Parteien und meist auch verletzte Menschen. Die Verletzungen machen eine Zusammenarbeit fast unmöglich. Erst wenn Versöhnung angestrebt, Frieden geschaffen wird, können die Parteien wieder zusammenarbeiten.
Wie können nun Spaltung und Unversöhnlichkeit zwischen Christen überwunden werden? Denn wenn die Kirche Jesu Christi das Evangelium zu den Menschen bringen will, wird sie sich um Einheit bemühen müssen. Einheit im Leib Christi, der Gemeinde, ist eine Bedingung für effektive Evangelisation, sagt Jesus selbst im hohepriesterlichen Gebet (Joh. 17,21-23).

Versöhnung mit Gott und der Kirche
In den meisten Kirchen des Westens wird heute ein Evangelium gepredigt, das die Erlösung des Einzelnen im Blick hat. So fand Martin Luther den gnädigen Gott. Allein durch Gnade (sola gratia) und Glauben (sola scriptura) finden Menschen ihr Heil (vgl. Eph. 2,8-9). Dabei hat aber die Versöhnung mit Gott in der Konsequenz immer die Versöhnung mit dem Nächsten im Blick. Wer in Christus ein neuer Mensch wird, wird durch den Geist Gottes eingegliedert in den Leib Christi, die Gemeinde des Neuen Bundes, die Kirche (1Kor. 12,13). Man kann auch sagen: Wer Frieden mit Gott erlebt, wird in die Gemeinde Jesu hinein befriedet.
In der Orthodoxie kann nur dann von einer vollzogenen Versöhnung mit Gott und Mensch geredet werden, wenn auch die Versöhnung mit der Kirche geschehen ist. Evgeny Pillipenko schreibt: „Neben der Verzeihung der persönlichen Versündigungen, die den gnaden-vollen Frieden in der Seele einwohnen lässt, gehört zum fundamentalen Ziel der Buße gleichermaßen der Frieden mit der Kirche.“(3) Das Grundprinzip, Versöhnung mit Christus führt zur Versöhnung mit dem Leib Christi, ist entscheidend und bedeutsam. Versöhnung mit Gott und Versöhnung mit dem Leib Christi gehen Hand in Hand. Für Martin Luther ist die lebenslang geübte Umkehr ein „tägliches unter die Taufe kriechen“.(4) Das ermögliche die „Tötung des alten Adam“ und die „Auferstehung des neuen Menschen“.(5) Die Taufe ist das eigentliche Symbol des Eingegliedert-Werdens in den Leib Christi.
Man kann Versöhnung des Menschen mit Gott nicht von der bewussten Integration in das Volk Gottes trennen. Der Geist Gottes leitet uns Menschen zu Christus und er tauft uns auch in den einen Leib Christi hinein. Mit Gott versöhnte Menschen gehören zu der Versammlung der aus der Welt herausgerufenen Menschen, der ekklesia des Christus (Mt. 16,18).(6)Eine davon losgelöste christliche Existenz kann es im Sinne des Neuen Testaments nicht geben.

Gott: Ja – Kirche: egal
Vom Zeitgeist des Individualismus wird uns genau das heute aufgedrängt. Es heißt: Gott geht es immer zuerst um den Einzelnen. Aber so sehr es stimmt, dass der Gute Hirte die 99 Schafe stehenlässt, um dem einen verlorenen nachzugehen, so sehr ist auch wahr, dass er das gefundene Schaf nicht allein lässt, sondern in seine Herde integriert. Er möchte ein königliches Priestertum (1Petr. 2,9-10).
Kann es sein, dass die Trennung der persönlichen Versöhnung des Menschen mit Gott von der grundsätzlichen Versöhnung mit der Kirche letztlich für jene Leichtigkeit sorgt, mit der sich manche Gemein-den spalten oder mit der Gemeindeglieder ihre Kirchen aus vielen Gründen verlassen – und nicht selten lebenslang in einer ungelösten Spannung zur ursprünglichen Gemeinde stehen? Kann es gar sein, dass es vor allem diese Unversöhnlichkeit ist, die zwischen der Gemeinde und ihrem missionarischen Auftrag steht? Ist der Ruf der Kirche Jesu so schlecht, weil die Unversöhnlichkeit ihrer Mitglieder längst den Wohlgeruch des Evangeliums in einen unangenehmen Ge-stank frommer Rechthaberei über Dogmen und Gemeinderegeln verwandelt hat?
Es ist gute biblische Praxis, die Versöhnung mit Gott mit dem Versöhnungsbestreben in die Kirche hinein zu verbinden. In meiner pastoralen Praxis kamen immer wieder Menschen zu uns, die in der Kirche als Kind getauft und konfirmiert worden waren und dann ihren traditionellen Glauben verloren hatten. Diesen fanden sie bei uns wieder und wollten zu unserer Gemeinde gehören. Wir nahmen sie gern auf, schickten sie aber zuerst zu der Kirche, zu der sie nominell gehörten. Sie bedankten sich bei den Geistlichen für alles Bemühen um ihr Seelenheil und erzählten dann von ihrem neu gewonnenen Glauben und dass sie nun Jesus in unser Gemeinde nachfolgen wollten. In den meisten Fällen kam es zu einem friedvollen Gespräch. Wichtig war uns, dass die neuen Nachfolger Jesu Frieden mit Gott und dem Leib Christi schlossen. Welche Gemeinde sie dann besuchten, war zweitrangig.
Unsere Praxis prägte nicht nur eine gute geschwisterliche Zusammenarbeit in Evangelisation und Mission zwischen den Kirchen, sondern es folgte auch ein reger Austausch im Gemeindeaufbau. Und: Hier arbeiteten Christen nicht gegeneinander, sondern bekannten sich gemeinsam zu dem einen Herrn und Erlöser – bei aller Unterschiedlichkeit in dogmatischen oder kirchenstrukturellen Fragen.

Kleine Schritte – große Folgen
Einheit unter Christen ist ein wichtiges Gut und nach Jesus auch die Voraussetzung für eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem Evangelium. Man erkennt seine Nachfolger daran, dass sie einander lieben (Joh. 13,35). Jeder kleine Liebesbeweis zählt. Es mag unwesentlich erscheinen, wenn Menschen ihren Frieden mit der Kirche suchen, die sie auf Grund einer neuen Glaubensorientierung verlassen haben. In der Praxis erweist sich aber gerade dieser Schritt als entscheidend. Christen mögen nicht immer der gleichen theologischen Überzeugung sein, aber sie bekennen sich zu einem Herrn, sie sind Glieder des einen Volkes Gottes.Nichts sollte sie so sehr auszeichnen, wie ihre Einheit in der Liebe zueinander. An die Epheser schreibt der Apostel Paulus: „Ertragt einander in Liebe und seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ (Eph. 4,2-3). Die Fähigkeit ein-ander zu ertragen und zu lieben, wird hier auf das Band des Friedens bezogen. Weil wir Frieden untereinander suchen, „können wir miteinander“. Jede kleine Bemühung, ein Friedens-Band zu knüpfen, er-weist sich als Baustein für eine stabile, gesunde geistliche Beziehung in der weltweiten Gemeinde Jesu (Kol. 3,12-16).Kleine Schritte der Versöhnung öffnen Türen zu einer reichen spirituellen Erfahrung: Die Gemeinschaft aller Glieder am Leib Christi trägt dazu bei, dass der Friede unsere Herzen regiert und die Liebe als vollkommenes Band uns in einer Gemeinschaft von Christus-Nachfolgern zusammenhält. Die Versöhnung mit der Kirche Christi ist immer ein Aufbruch in die Nähe Gottes, wo die Liebe herrscht.
 

1 Papst Franziskus: Die Spaltung unter uns Christen ist ein Skandal. (Camino 2017).
2 www.learnreligions.com/christianity-statistics-700533 (27.07.2020).
3 Evgeny Pillipenko: Vergebung und Versöhnung als Kategorien der orthodoxen Bußtheologie. In: Zeitschrift für Pastoraltheologie (ZPTh), Bd. 33/2/2013, 37-46, 44.
4 WA 30, 216. 218. 221.
5 Martin Luther, Großer Katechismus, in: Die Bekenntnisschriften der evange-lisch-lutherischen Kirche. Hg. im Gedenkjahr der Augsburgischen Konfession 1930, (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1992), 699-700.
6 Zum Wesen der ekklesia siehe mehr unter: Johannes Reimer: Die Welt umar-men. Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus. Transformations-studien Bd.1, 2. Aufl. (Marburg: Francke Verlag 2013).

Dr. Johannes Reimer ist Professor für Missionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach und Leiter des Netzwerkes für Frieden und Versöhnung der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA)